1964

Im Zeichen des Drachen

Meine Schwester (Retrospektiv), 2003, Öl/Leinwand, 80 x 80 cm
"Meine Schwester", 2003

1964 wird Yongbo Zhao als einziger Sohn des Schulleiters in der Gemeinde Hailong in der Provinz Jilin, Mandschurei, Volksrepublik China, geboren. Er hat vier ältere Schwestern, von denen zwei noch in jungen Jahren versterben. Das genaue Geburtsdatum Yongbos ist nicht bekannt. Seine Mutter lässt es im Registeramt so eintragen, dass es in das Zeichen des Drachen fällt, denn dieses bedeutet vierfachen Segen: Reichtum, Tugend, Harmonie und langes Leben.


1970-1980

Ein großes Talent

Mein Haus, vor 1991, Öl/Leinwand
"Mein Haus", vor 1991

Yongbos künstlerische Begabung wird früh erkannt. Schon in der Grundschule malt er auf Wunsch des Lehrers seine Entwürfe auf die Tafel, damit seine Klassenkameraden von ihm lernen. Er wird beauftragt, Zimmer und Hauswände zu bemalen. 1980 wird Professor Jian Guan von der Malakademie der Provinz Jilin auf ihn aufmerksam und lädt ihn zu einem einmonatigen Malkurs ein. In einem Brief an den Vater bescheinigt der Professor: „Ihr Sohn ist ein großes Talent.“


1981-1990

Bildender Künstler Chinas

Foto: Andreas Kaiser
Foto: Andreas Kaiser

Von 1982 bis 1986 studiert Yongbo Zhao Malerei an der Northeast Normal University in Changchun. Er arbeitet wie besessen. Es folgen erste Ausstellungen und Preise. Von 1986 bis 1991 lehrt er als Dozent an derselben Hochschule abendländische Malerei und Kunstgeschichte. Sein Ruhm ist inzwischen bis in die Hauptstadt gedrungen. 1987 erhält er den ersten Preis der „Allchinesischen Kunstausstellung zu Ehren des 60. Geburtstages der Volksbefreiungsarmee“ im National Art Museum of China, Peking. 1990 wird er in das „Große Lexikon Bildender Künstler Chinas der Gegenwart“ aufgenommen. Im selben Jahr nimmt er als einer von 15 chinesischen Künstlern an der Internationalen Asien-Europa-Biennale in Ankara, Türkei, teil.


1991-1993

Die große Reise oder Die Entdeckung des Abendlands

In Yongbo Zhao wird der Wunsch übermächtig, die alten europäischen Meister, die in China nur in schlechten Farbreproduktionen zugänglich sind, im Original zu sehen. Er beschließt, seine Studien im Westen fortzusetzen. Nach abenteuerlicher Fahrt mit der transsibirischen Eisenbahn und mit einem Koffer voller Bildbände, die er in Moskau erworben hat, trifft er 1991 in Deutschland ein. Nach mehreren vergeblichen Bewerbungen an Kunstakademien, die vor allem an der Sprachbarriere scheitern, wird er schließlich in die Malklasse von Professor Robin Page an der Kunstakademie München aufgenommen. Durch die Erfahrung der Freiheit und die Begegnung mit der westlichen Kunst sieht er sich jedoch außerstande, weiter zu malen wie bisher. Drei Jahre lang lässt er den Pinsel ruhen, studiert stattdessen in den Museen Monet, Courbet, Rubens, die Präraffaeliten und andere europäische Meister. Er bezieht ein Atelier in der Domagkstraße in München, wo er bis heute arbeitet.


1994-1998

Der Meisterschüler

Ophelia und Mao I (Diptychon), 1994
Ophelia und Mao I (Diptychon), 1994

1994 malt Yongbo Zhao sein erstes großes Diptychon in Deutschland: „Ophelia und Mao“. Hier offenbart sich mit einem Schlag, was seine Malerei bis heute so einzigartig und unverwechselbar macht: In virtuoser altmeisterlicher Technik, dabei provokant und subversiv in der Aussage, vereint er die Mythen und Idole des Abendlandes mit denen der kommunistischen Gesellschaft Chinas und stellt beide zugleich radikal in Frage. Nach diesem spektakulären Debüt lassen erste Ausstellungen nicht lange auf sich warten. 1995 nimmt er erstmals an einer wichtigen europäischen Kunstmesse, der Art Nocturne Knocke in Belgien, teil. 1996 gründet er zusammen mit Robin Page und Erich Gohl die Künstlergruppe „Neue Helden“. In ihrem Manifest heißt es „Unerträglich für Wohnzimmerwände gehören die Bilder hinter den Stacheldraht der Museen großer heroischer Sinnesschlachten“. Es entsteht die Bilderserie "Revolutionäre Familie", in der Yongbo Zhao sich und seine Familie als Schafsköpfe porträtiert. 1997 ist er an der Großen Kunstausstellung im Haus der Kunst, München, beteiligt. 1998 beendet er sein Studium an der Kunstakademie als Meisterschüler. 


1999-2007

Meilensteine

1999 wird Yongbo Zhao für die „Florence Biennale II“ und erneut für die Große Kunstausstellung im Münchner Haus der Kunst ausgewählt. 2000 tritt er der Künstlervereinigung „Münchener Secession“ bei. In diesem Jahr beginnt auch seine intensive Zusammenarbeit mit der Galerie KK Klaus Kiefer in Essen, die ihn bis heute vertritt und seine Werke auf Messen wie der Art Karlsruhe zeigt. 2002 erwirbt das Museum Folkwang in Essen Yongbo Zhaos "Raub der Sabinerinnen". Schlag auf Schlag folgen nun Ausstellungen in Galerien und Museen im In- und Ausland: Reykjavik Art Museum, Island (2000), Cubus Kunsthalle Duisburg (2001, 2002), Erotic Art Museum Hamburg (2002), Museum Galgenhaus, Berlin (2003), Zitadelle Spandau, Berlin (2005), Essenheimer Kunstverein (2007), um nur einige zu nennen. In der Wanderausstellung „Life as a Legend: Marilyn Monroe“ tourt Zhaos „Marilyn II“ durch Museen in Europa, den USA und Kanada (2003-2011). 


2008 ff.

"Das große Lachen" oder Der Ritterschlag

Katalog des Prestel-Verlags
Katalog des Prestel-Verlags

2008 erscheint im renommierten Prestel-Verlag der erste umfassende Bildband über Yongbo Zhaos bildnerisches Werk mit dem Titel „Das große Lachen“. Darin beschreibt Gottfried Knapp, warum dieses sich „aus der Flut der heute so erfolgreichen flinken Genremalereien“ heraushebt: „durch die unbegreifliche technische Meisterschaft, mit der Zhao eine in Europa weitgehend vergessene Malkultur wiederbelebt hat, und durch den anarchischen Impetus, mit dem er die Inhalte und Stilformen der Alten weiterdenkt, transformiert, dekonstruiert und dem großen Lachen preisgibt, das er in seinen Bildern gerne selber anstimmt.“ Es ist der Ritterschlag der deutschen Kunstkritik.

 

2012 wird er in die berühmte Reihe "Junge Kunst" des Verlags Klinckhardt & Biermann aufgenommen und steht damit neben Namen wie Van Gogh, Pablo Picasso, Emil Nolde und Johannes Grützke. Die Geistesverwandtschaft mit letzterem und mit zwei weiteren Ikonen der Kunstgeschichte offenbaren Werkschauen wie „Yongbo Zhao und Johannes Grützke“ (Kunsthalle Ammersee, Stegen, 2009) oder „Provokation! Goya, Daumier und Yongbo Zhao – Kritiker und Spötter ihrer Zeit“ (Kunsthaus Kaufbeuren, 2009, Städtische Galerie „Fähre“, Bad Saulgau, 2013, Kallmann-Museum, Ismaning, 2014). Weitere Höhepunkte sind Einzelausstellungen im Rosenheim-Museum Offenbach (2010) und in der Zitadelle Spandau Berlin (2013).



Wanderer zwischen zwei Kulturen

Foto: Andreas Kaiser
Foto: Andreas Kaiser

In seiner alten Heimat knüpft Yongbo Zhao an seine Vergangenheit an. Als Gastprofessor und Professor unterrichtet er an mehreren Kunstakademien (Jilin University of Arts, Heilongjiang Academy of Fine Arts, Heilongjiang Academy of Contemporary Art, Northeast Normal University, Changchun, Capital Normal University, Peking). 2012 zeigt die Sanmu International Art Gallery in Pekings Künstlerbezirk 798 die Schau „Yongbo Zhao - Kritiker und Spötter seiner Zeit". Von hier aus findet sein Bild "Kreislauf II" den Weg in eine der bedeutendsten öffentlichen Sammlungen chinesischer Gegenwartskunst, die White Rabbit Collection in Sidney, Australien. Seit 2013/2014 befinden sich Werke des Künstlers im Besitz des Imperial Edict Museum, Xuzhou, und des National Art Museum of China, Peking. Mehrmals im Jahr reist Yongbo Zhao also nach China, doch sein Lebensmittelpunkt liegt heute in Bayern. Als Künstler arbeitet er bevorzugt in München. Mit seiner deutschen Frau und den gemeinsamen Kindern lebt er im nahe gelegenen Krailling, das ihn 2012 anlässlich der 925-Jahr-Feier mit einer Einzelausstellung im Rathaus ehrt. Die Pendler in der S-Bahn zwischen München und Krailing kennen ihn und manchmal flüstern sie: „Still, Yongbo zeichnet!“